Die Antarktis gibt erneut ein spektakuläres Geheimnis aus der Urzeit preis. Forscher*innen haben dort ein Fossil entdeckt, das den bisher ältesten bekannten modernen Vogel zeigt. Der gefundene Schädel stammt von Vegavis iaai, einer Vogelart, die vor etwa 68 Millionen Jahren lebte – in einer Zeit, als Dinosaurier noch die Erde beherrschten.
Ein Wasservogel aus der Zeit der Dinosaurier
Die neue Studie, veröffentlicht im Fachmagazin Nature, könnte dabei eine jahrzehntelange wissenschaftliche Debatte beenden. Denn der entdeckte Schädel ist fast vollständig erhalten und liefert den bisher deutlichsten Beweis, dass moderne Vögel bereits vor dem großen Massenaussterben existierten.
„Das neue Fossil zeigt, dass Vegavis zweifellos ein moderner Vogel ist“, erklärt Juan Benito Moreno von der Universität Cambridge gegenüber der CNN. Der Vogel war etwa so groß wie eine Ente und lebte vermutlich als tauchender Jäger in den Küstengewässern der Antarktis.
Besonders auffällig sind dabei der schlanke, spitze Schnabel und die kräftigen Kiefermuskeln, die es dem Vogel ermöglichten, Fische zu fangen. „Der neue Schädel von Vegavis weist eine sehr spezialisierte Morphologie für das Tauchen und Fressen von Fischen auf, mehr als ich erwartet hätte“, so Moreno weiter.
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Die Antarktis als Zufluchtsort?
Bislang gingen viele Forscher*innen davon aus, dass sich moderne Vögel erst nach dem Einschlag des Chicxulub-Asteroiden entwickelten, der vor 66 Millionen Jahren ein Massenaussterben auslöste. Doch die neuen Funde deuten darauf hin, dass einige Vogelarten diese Katastrophe wohl überlebten. Die Antarktis könnte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.
„Die Antarktis sah vor 69 Millionen Jahren nicht so aus wie heute“, zitiert CNN den Paläontologen Patrick O’Connor von der Ohio University. Statt einer eisbedeckten Wüste gab es dort gemäßigte Temperaturen und dichte Wälder – ein mögliches Rückzugsgebiet für frühe Wasservögel.
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Ein entscheidendes Puzzlestück
Vegavis wurde bereits vor 20 Jahren entdeckt, doch fehlten bisher wichtige Schädelmerkmale, um seine genaue Stellung im Stammbaum der Vögel zu bestimmen. Der neue Fund schließt diese Lücke. Die Untersuchung mittels Computertomografie zeigt, dass Vegavis in die Gruppe der modernen Vögel gehört – eine evolutionäre Linie, aus der später alle heutigen Vogelarten hervorgingen.
„Dieses Fossil unterstreicht, dass die Antarktis uns viel über die frühesten Stadien der Evolution moderner Vögel zu erzählen hat“, erklärt O’Connor in einer Mitteilung. Besonders die Form des Gehirns und des Schnabels liefert Hinweise darauf, dass sich moderne Vögel früher entwickelten als lange angenommen.
„Die wenigen Orte mit nennenswerten Fossilienfunden von Vögeln aus der Oberkreidezeit, wie Madagaskar und Argentinien, offenbaren eine Voliere bizarrer, heute ausgestorbener Arten mit Zähnen und langen Knochenschwänzen, die nur entfernt mit heutigen Vögeln verwandt sind. Etwas ganz anderes scheint in den entlegensten Regionen der südlichen Hemisphäre passiert zu sein, insbesondere in der Antarktis“, fuhr O’Connor fort.
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Ein Blick in die Vergangenheit
Die Entdeckung in der Antarktis unterstreicht, wie wenig über die frühe Evolution der Vögel bekannt ist. „Die Antarktis ist in vielerlei Hinsicht die letzte Grenze für das Verständnis der Menschheit vom Leben im Zeitalter der Dinosaurier“, betont Matthew Lamanna vom Carnegie Museum of Natural History. Weitere Fossilienfunde könnten in Zukunft noch mehr über die Überlebensstrategien der ersten modernen Vögel enthüllen – und darüber, wie sie die größte Katastrophe der Erdgeschichte überstanden.
Quellen: „Fossil bird skull suggests Antarctic waterfowl survived Cretaceous mass extinction“ (Nature, 2025); CNN, Ohio University
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